E v a n g e l i s c h   in   K ö n i g s f e l d

Der Kirchensaal der Brüdergemeine in Königsfeld

Kirchensaal Königsfeld im Schwarzwald


Baugeschichte

Bereits als viertes Gebäude wurde das Gemeinhaus, d.h. Kirchsaal, Predigerwohnung und Vorsteherhaus, in Angriff genommen. Die Pläne lieferte auf Anregung der Unitäts-
Ältesten-Konferenz in Herrnhut Friedrich Renatus Früauf (1764 -1851). Er war zu dieser Zeit Direktor des Pädagogiums auf dem Katharinenhof in Großhennersdorf bei Herrnhut und nahm die Saalbauten von Neuwied/Rhein und Gnadenberg/Schlesien zum Vorbild. Da er die Geländeverhältnisse nicht kannte, musste sein Plan bei den Treppenaufgängen und den Leichenkammern abgeändert werden. Er wurde dabei von dem Baseler Architekten Stähelin unterstützt, der die Fassade wie die in Neuwied gestaltete. Der Königsfelder Saal ist der letzte, der im klassischen Herrnhuter Stil erbaut wurde. Er entstand von 1810 bis 1812 und vereinfacht die Formen des bürgerlichen Barocks im Stile eines schlichten Empires.

Grundriss des Königsfelder Kirchensaals (Erdgeschoss)

Das Erdgeschoss des Gemeinhauses
Grundriss von Friedrich Renatus Frühauf
 

Bei der Grundsteinlegung am 3. März 1810 wurde in einer tönernen Kapsel eine Urkunde eingeschlossen, die auch die Namen der lebenden Bischöfe und Ältesten der Brüderkirche enthält, die Verhandlungen mit dem Württemberger Hof, einen Plan der Mädchenanstalt und einen Kronenthaler von 1810 mit dem Bilde des Königs. Im selben Jahr gelangte die Kolonie an das Großherzogtum Baden. Die Weihe des Saals am 19. Oktober 1812 wird als Hauptfesttag der Gemeine gefeiert. Der Bau wurde vorwiegend mit Geldern finanziert, welche die Brüdersozietät in Basel zur Verfügung stellte, aus Spenden von Gemeindemitgliedern und einer Kollekte in anderen Brüdergemeinorten. Planzeichnung des Königsfelder Kirchensaals

 





Aufriss der     
Platzfront    
von Stähelin    


Äußeres

Die ganze Nordseite des Zinzendorfplatzes nimmt der deutlich dreigeteilte Bau ein, der aus Bruchsandsteinen der Umgebung errichtet ist. Seine Gesamtlänge beträgt 68,50 m. In der Gebäudegruppe fällt der Mittelteil durch seine Größe auf. Er birgt den Saal (Außenmaße: Länge 26 m, Wandhöhe 11 m, Firsthöhe 19 m, Turmspitze 28 m).
Auf sandsteinverblendetem Sockel mit abgesetztem umlaufenden Band erhebt sich die in Senkrechten gegliederte Wand. Vier hochrechteckige Fenster mit leicht gebogenem Sturz und Schlussstein schauen auf den davorliegenden Platz, ebensolche auf die rückwärtige Gartenseite. Sie haben Kreuzstöcke mit Sprossenteilung. Ihre rotbraunen Sandsteingewände (aus Fischbach) umgeben vertiefte Rahmen aus Rauputz. Sie sind durch die Fensterbank bis zum Sockel weitergeführt. Breite glatte Lisenen trennen die Fenster voneinander.

Königsfelder Kirchensaal - Eingang SchwesternseiteDarüber entspricht ein breites Kranzgesims dem Band unten. Zum Dachansatz leitet ein kräftig profiliertes Traufgesims über. An den Ecken sind die glatten Sandsteinplatten bis zur Traufe durchgezogen. Zwischen den mittleren Fenstern zeigt eine nahezu quadratische Sonnenuhr mit halbkreisförmigem Aufhänger für den Schattenstab die wahre Ortszeit an. Das ursprünglich aus Sandstein gearbeitete Zifferblatt wurde wegen drohender Verwitterung 1974 durch eine Kopie in Bronze geschützt.





Eingang zum großen Saal
auf der Schwesternseite

Das Dach deckt ein hoher Krüppelwalm. Im unteren Teil ist es durch vier größere Fensterausstöße gegliedert, die ihre Form den Fassaden-Fenstern annähern und mit ihnen korrespondieren. In der oberen Hälfte sind über den Zwischenräumen drei kleinere Schleppgaupen mit kreisrunden Öffnungen eingesetzt. Ein Dachreiter krönt die Firstmitte im quadratischen Grundriss mit angeschrägten Ecken. Nach vier Seiten entlassen fensterartige Schallöffnungen den Klang von Glockenläuten und Stundenschlag. Halbrunde schließen die Fenster nach oben ab. Darunter sitzen zwei Zifferblätter einer mechanischen Uhr. Als Abschluss sind über einem umlaufenden Sims vier Dreiecksgiebel angebracht. Eine Zwiebelhaube sitzt auf mit Kugelkopf, Windrose (vergoldeter Nordpfeil), Windfahne und Stern. Die Windfahne trägt die Jahreszahl 1811.

Die anschließenden niedrigeren Seitengebäude (Arbeiterhäuser), das Pfarrhaus westlich, das Vorsteherhaus östlich, entsprechen sich spiegelbildlich oberhalb des Sockels. Da sich das Gelände nach Osten um zwei Meter senkt, wurde der Keller unter dem Pfarrhaus eingetieft und ist oberirdisch nur an schmalen Kellerfenstern zu erkennen. Unter dem Vorsteherhaus blieb Raum für ein dreiviertelhohes Untergeschoß mit Fenstern. Entsprechend „ wurden für die parallel zur Wand laufenden Treppen im Westen nur halb so viele Stufen gebraucht wie im Osten. Sie führen zu einer Plattform, von der aus der Besucher durch breite Flügeltüren in den Flur und vor den inneren Zugang zum Großen Saal gelangt. Jedes der Nebengebäude ist sechsachsig. Zwei Lisenen fassen die mittleren Fenster zusammen. Ein Gurtsims verdeutlicht die Zweigeschossigkeit. Im Krüppelwalmdach sitzen wie im Mittelteil je vier größere Fensterausstöße mit Dreiecksgiebel und je drei Dachgaupen, hier mit rechteckigen Öffnungen.

Königsfelder Kirchensaal - SchwesternseiteIm Unterschied zur Schauseite wirken die Giebelseiten bescheiden. Sie haben in beiden Stockwerken und dem Dachgeschoß je zwei Fenster, daneben auch blinde. Die Kanten der Gebäude sind in Sichtsandstein ausgeführt. Die Wand ist im Übrigen verputzt.



   Die Schwesternseite mit
     Logen während eines
     Predigt-Gottesdienstes

Zum Garten setzen sich von der Mitte der Seitengebäude Anbauten mit niedrigen Satteldächern fort, so dass von da her der Eindruck einer Dreiflügelanlage entsteht.

Am Saalbau wurden unten in der Mitte zwei einfache Kammern angebaut, in denen die Leichen Verstorbener bis zum Begräbnis aufgebahrt werden, Inneres: In den Großen Saal (Maße: 24,80 m mal 14,55 m, Höhe 9 m) führen von den Schmalseiten Türen aus beiden Seitengebäuden, den Vorhäusern. Zwei weitere Türen auf den gleichen Seiten geben Zutritt zu Nebenräumen, in Früaufs Plan „Kirchenkammern" genannt. Dazwischen öffnet sich ein breites Fenster mit gebogenem Sturz, „das im Notfall schwächliche Personen sich in der Kirchenkammer aufhalten und doch an der Versammlung teilnehmen können."

Die Bänke im Saal sind auf die Breitseite im Norden ausgerichtet. Hier begleitet ein breites, an der Südwand ein schmales Podest die Wand. Sie ist übermannshoch bis zu den Fensterbänken getäfert und durch ein weit vorgebogenes Bord abgeschlossen. Zwischen den beiden Mittelfenstern der Nordseite schwingt das Bord im Bogen nach oben aus und bildet den Hintergrund für einen dreistufigen Aufsatz, der den Liturgustisch trägt. Über den Schmalseiten schweben stützenlos Emporen. In der Mitte als flache Balkone, bauchen sie zu den Breitseiten des Saales hin aus. Auf der Westseite wurden diese Rundungen bis fast zum Deckenansatz mit Fenstern versehen und bilden so zwei Logen. Sie sind eine Wiederholung der Herrschaftslogen in Sachsen und Schlesien, in Königsfeld aber ohne Zweckbestimmung, da es hier keine Ortsherrschaft gab.

Königsfelder Kirchensaal - Orgelempore

                                         Die Orgelempore

Die Empore auf der Ostseite nimmt im Mittelabschnitt die Orgel auf. Die gebauchten Seiten dienen Chor und Orchester. Dahinter führen Rundbogendurchgänge in eine rückwärtige Erweiterung der Empore. Eine ausladende Hohlkehle über gekröpftem Gurtsims leitet zur Flachdecke über. Schlichte Halbrundstäbe in Stuck heben das Deckenrechteck und zwei kreisrunde Lüftungsöffnungen hervor. Sie haben zwei blinde Pendants. Alle Holzteile bis auf die naturfarbenen breiten Dielenbretter sind glänzend weiß lackiert, der Plafond weiß gestrichen, der Putz des Mauerwerks zart rosa lasiert. Weiß ist eine häufig verwendete liturgische Farbe (Offenbarung 3,4.5.). Die Ornamente an Türen und Täfelungen haben klassizistischen Charakter.


Ausstattung

Der Schmuck des Saales ist die zu Lobpreis und Dank versammelte Gemeine. Deshalb bleibt die Ausstattung karg. Den Saal nimmt im Osten (links vom Prediger) die Brüderseite, im Westen (rechts vom Prediger) die Schwesternseite ein.

Damit lehnte sich die Brüdergemeine an den jahrhundertealten Brauch der Kirche an, die Geschlechter zu trennen. Dem entsprechen zwei Sitzblöcke mit je zweimal zwölf Holzbänken (=48 Bänke) für jeweils etwa acht Personen. Da für Abendmahl und Liebesmahl die Bänke gerückt werden müssen, um Durchgänge zu schaffen, wäre festes Gestühl hinderlich. Die durchlaufende Bank an der Südseite heißt Ehebank und war Eheleuten reserviert, die nebeneinander sitzend dem Gottesdienst beiwohnen wollten. Hier sind jetzt die Kopfhöreranschlüsse für Hörbehinderte. Die Bänke gegenüber zu beiden Seiten des Liturguspodestes heißen Arbeiterbänke. Sie waren den Aufsehern, Helfern und Pflegern vorbehalten.

Königsfelder Kirchensaal - Liturgustisch mit Abendmahlsgeräten

                                   Liturgustisch mit Abendmahlsgeräten

Dem Prediger stehen der Liturgustisch, ein einfacher vierbeiniger Holztisch mit bis zum Boden reichender grüner Decke, zur Verfügung und ein einfacher Polsterstuhl in barocker Art. Zu Festtagen wird der Tisch mit einer roten Decke veHistorische Abendmahlsgeräte 1912rsehen, welche die Großherzogin Luise von Baden 1912 zur Jahrhundertfeier der Gemeine schenkte. An Chortagen, den Feiertagen für die verschiedenen Familienstände, umzieht ein Band in der Chorfarbe den oberen Tischrand: blau für das Ehechor, rosa für die ledigen Schwestern, weiß für die Witwen.

                     Kanne und Kelche für das Abendmahl
                           zur Jahrhundertfeier 1912
                                                        
Das Kreuz an der Wand zwischen den Fenstern über dem Platz des Predigers wurde später angebracht. 1882 machte Herrnhut damit den Anfang. Vom 1. Advent bis zum 6. Januar hängt ein 50-strahliger Herrnhuter Stern, der von innen erleuchtet wird, über und vor dem Liturgustisch. Die erste Orgel aus der Nachfolge von Silbermann erhielt die Gemeine aus Barby (Elbe) geschenkt. Von ihr stammt der Prospekt. Das gegenwärtige Werk wurde 1985 von der Firma Heintz in Schiltach eingerichtet. Drei Manuale und 36 Register lassen 2.500 Pfeifen durch mechanische Traktur ertönen. Jeden Samstagabend wird eine Singstunde gehalten, in der meistens entsprechend der Tageslosung eine Predigt aus Liedstrophen zusammengestellt gesungen wird, unterbrochen durch ein Gebet im Knien. Dies und das reichhaltige Gesangbuch unterstreichen die Freude an der Musik. Zwei historisierende Radleuchter und entsprechende Wandlampen erhellen den Saal bei Dunkelheit. Sie ersetzten schlichte nach unten gebogene Kerzenhalter mit Tülle und Wachsauffangteller (bis 1866 Talglichter, danach Stearinkerzen). Die Windungen der Lampen ergaben sich beim Umstellen der Gasbeleuchtung (Acetylengas seit 1901) auf Elektrizität (1913).

Königsfelder Kirchensaal - Christnacht
















In der Christnacht am 24. Dezember erhalten die Kinder Kerzen aus der Hand von Schwestern in der alten Tracht mit Haube, Spitzentuch und Filetschürze.



Nebengebäude

In den Vorhäusern betritt man zuerst einen Flur, von dem der Besucher zu anderen Gemeinräumen und in Wohnungen gelangt. Im Pfarrhaus führt die breite Tür unter einem Bogen in den Großen Saal. Gegenüber der Eingangstür ist der Zugang zur „Kirchenkammer". Heute sammeln sich hier die Teilnehmer von Hochzeits- und Taufgesellschaften und die Angehörigen bei Begräbnissen. Kerzen, die bei den Christnachtsfeiern an die Kinder ausgeteilt werden, bereitet man hier vor und ebenso das Liebesmahl, eine freie liturgische Versammlung in der Nachfolge frühchristlicher Agapen. Altes Liebesmahlgeschirr - Kanne und BrötchenDabei werden Tee und Brötchen gereicht. In der anschließenden Teeküche stehen die Vorrichtungen zum Kochen und das nötige Geschirr. Über einen Gang mit Vitrinen, in denen ortsbezogene Wechselausstellungen zu sehen sind, tritt man in den Garderobenraum des Gemeindezentrums. Ein Zimmer mit den Fenstern zum Platz kann größere Gruppen aufnehmen, z.B. die Begegnungen nach der Sonntagspredigt. Im benachbarten kleinen Zimmer treffen sich im allgemeinen Ältesten- oder Kirchengemeinderat. Hier wird auch Konfirmandenunterricht gehalten.

Ein Jugendbild des Grafen Zinzendorf und eines von Christian David, dem Anführer der ersten Exulanten und Gründer von Herrnhut, schmücken den Raum. Im Hintergebäude ist das Jugendzentrum. Im Jugendkeller darunter kommt die ältere Jugend zusammen.

Eine Holztreppe mit Empiregeländer führt in das Oberstockwerk zur Pfarrwohnung und dem Pfarramtszimmer und zum „Kleinen Saal". Er wurde vor dem Großen Saal vollendet und sah die ersten Versammlungen im neuen Gebäude. Auch er ist breitseitig ausgerichtet mit Liturgustisch und Stuhl. Die Türen rechts und links sind Zugänge zur Empore auf der Schwesternseite. Das Kreuzigungsbild im „Sälchen" wurde bei der Auflösung des Klosterhofes (Seihof) vom Benediktinerkloster in Villingen gekauft. Ein kleines Orgelpositiv vervollständigt neben der Bestuhlung (weiße Holzstühle mit roten Polstern) die Einrichtung. Das Vorsteherhaus entspricht dem Pfarrhaus spiegelbildlich. Die Tür im Erdgeschoß öffnet sich links zum Großen Saal, die Tür geradeaus zur „Kirchenkammer". Sie ist auf dieser Seite Vorbereitungsraum für den Prediger vor den Versammlungen. Hier sammeln sich auch Liturg und Akoluthen vor dem Abendmahl. Die Wandschränke enthalten die dazu nötigen Geräte und Talare.

Erstlingsbild Valentin Haidt 1747

                         Das Erstlingsbild von Valentin Haidt 1747

An der Wand hängt die Kopie des „Erstlingsbildes" von Valentin Haidt. Das Original verbrannte in Herrnhut 1945. Darauf sind die von brüderischen Missionaren zuerst Getauften aus Afrika, Asien und Amerika abgebildet, 21 Personen, die 1747 bereits verstorben waren. Kleine gerahmte Stiche an den Schrankwänden sind dem „Zeremonienbüchlein" entnommen, einer Schrift von 1757, die in das Brauchtum der Brüdergemeine einführen sollte. Ein Bibliothekszimmer schließt sich an. Außerhalb im Gang hängen wiederum Vitrinen für Ausstellungen.

In diesem Flügel ist auch das Vorsteheramt, das die weltlichen Belange der Brüdergemeine verwaltet. Der Architekt Früauf hatte eine Knabenschule an der Stelle vorgesehen. Bis 1888 befand sich der Gemeinladen und später die Filiale einer Sparkasse in den Räumen. Im Hintergrund ist das Archiv der Brüdergemeine untergebracht. Darüber liegt die Wohnung des Vorstehers, darunter sind die Werkstätten der Hausmeisterei.


Würdigung

Die Bautradition schließt an Haus und Profansaal an. Die Ausrichtung nach Osten war nicht erforderlich. So wie die frühen Christen in Privathäusern zusammentrafen, sollten die Säle der Brüder Versammlungsräume sein, keine Kirchen. Daran erinnern die Bänke in Längsrichtung, die Wohnraumhaften Fenstervorhänge, der Platz des Predigers, der nur soviel erhöht ist, dass jedermann ihn gut sehen kann.

Kirchensaal um 1880

     Kirchensaal um 1880 mit Petroleumbeleuchtung und rohen Holzbänken

Der Liturgustisch ist kein Altar, sondern er dient der Ablage, wie es für jeden Versammlungsleiter üblich ist. Dahinter sitzt der Prediger ohne Amtstracht auf einem Stuhl, auch bei liturgischen Feiern. Nur bei der Predigt, wenn er nicht Liturg ist, steht er. Neben ihm saßen früher rechts und links die Mitarbeiter, ein Brauch, der heute nur noch beim Abendmahl durch die Akoluthen geübt wird. Auf dem Tisch werden auch die Abendmahlsgeräte abgestellt: Kelche, Kannen, Patenen. Die Akoluthen teilen der Gemeine Brot und Wein aus. Die Teilnehmer bleiben in den Bankreihen. Trauung und Taufe finden vor oder neben dem Liturgustisch statt. Bei der Verwaltung der Sakramente (Taufe und Abendmahl) tragen Liturg und Akoluthen weiße Talare. Der gesamte Baukörper zeigt, dass die Anlage aus dem Gemeindehaus entstanden ist, in dem Gemeinarbeiter (Prediger, Vorsteher) wohnen und die Gemeine sich in großer Zahl oder in kleinen Gruppen zu mannigfachen Versammlungen in verschiedenen Räumen begegnen kann.

Der beispielgebende Architekt für die klassischen Brüdergemeinsäle war Siegmund August von Gersdorf (1702 -1777). Er wurde Kadett und Page am königlich- polnischen und kursächsischen Hof in Dresden bei dem Staats- und Kabinettsminister Heinrich Graf von Watzdorf, dem Vorgänger des Grafen Heinrich von Brühl. Er lernte dort u.a. Zivil- und Militärarchitektur. Sein Schüler Moritz Christian von Schweinitz (1739 - 1822) entwickelte Gersdorfs Ideen weiter.

Die Versammlungshäuser der Alten Brüderunität, die Sbors in Böhmen, hatten keinen Einfluss auf die Saalbauten der Brüdergemeine. Sie behielten den Grundriss und Aufbau der gotischen Hallenkirchen bei, waren giebelseitig ausgerichtet und hatten meistens vorgebaute Türme. Dagegen wurde in Schlesien seit der „allergnädigsten Concession" Friedrichs des Großen nach dem 1. schlesischen Kriege 1742 den Evangelischen Bethäuser zu bauen gestattet. Sie ähneln den brüderischen Sälen, bis dann von 1764 an Kirchturmbauten erlaubt wurden. Es fehlen aber noch die anschließenden „Arbeiterwohnungen" und damit der Charakter des Gemeindehauses.

Der Königsfelder Saal knüpft in brüderischer Tradition an die Anfänge christlicher Versammlungsübung an und weist auf die Kirche als eine Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. (Apostelgeschichte 2,44-47)


Gottesacker heißt der Friedhof der Eingangstor zum Königsfelder GottesackerBrüdergemeine. Er führt den Grundgedanken des Kirchensaalbaues fort. Ein Tor mit geradem Sturz und Dreiecksgiebel und das Christuswort: „Ich bin die Auferstehung und das Leben" laden zum Eintritt. Keine Torflügel können den Eingang versperren. Der breite Mittelweg scheidet die Schwesterngräber (links) von den Brüdergräbern (rechts).
Jedem Familienstand (Chor) war ursprünglich ein eigenes Feld zugeteilt, entsprechend der alten Vorstellung, dass Gott die Ordnung liebt und am Auferstehungstage die Seligen in ge-   ordneten Gruppen ins himmlische Jeru-        Eingangstor zum Gottesacker
salem einziehen (vergl. mittelalterliche
Darstellungen des Jüngsten Gerichtes). Die Wörter „Acker" und „Feld" drücken wie das „Beet" des Einzelgrabes aus, dass hier Körner in die Erde gesät sind, um aufzuerstehen (Joh. 12,24). Gleiches bezeichnet das Königsfelder Ortswappen, welches das alte Amtssiegel des Vorstehers übernommen hat. Keine Grabstelle wird aufgehoben und neu belegt. Beim Wachsen der Gemeine erfordert das Erweiterungen und Verlegung der Zugänge. So liegt das älteste Grab heute in der ersten Reihe des zweiten Feldes rechts: Beatus Gramann, geboren und entschlafen den 8. November 1809, das Grab eines totgeborenen Kindes.

Die ebenen oder leicht gebogenen Kissensteine mit Unterlage aus Sandstein (heute auch aus rotem Granit) tragen Namen, Geburts- und Sterbedaten und womöglich ein Schriftwort, aber weder Titel noch Nachruf. Abweichende Platten sind Fehlentwicklungen, die vermieden werden, seit der Gottesacker unter Denkmalschutz gestellt ist. Urnengräber und Gedenkstätte für die Kriegstoten nehmen eine Sonderstellung ein. Ohne Gleichmacherei entsteht der Eindruck der Gleichwertigkeit aller hier Bestatteten. Weißstämmige Birken ergänzen das Bild vom Kirchensaal unter freiem Himmel. Der Gottesacker und vollends die Liturgie zum Ostermorgen bei Sonnenaufgang auf diesem Platz weisen auf die Gemeine, „die auf den Herrn wartet und die um ihn her ist."

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Erläuterung einzelner Fremdwörter:

Agape
frühchristliche Versammlung bei gemeinsamer gleicher Beköstigung

Akoluth
„Begleiter", Helfer bei der Verwaltung der Sakramente

Aufseher, Pfleger, Helfer
Bezeichnung für Dienste in der Brüdergemeine

Empire
Baustil zur Zeit Napoleon I.

Exulant
Vertriebener, Flüchtling besonders aus Glaubensgründen

Gaupe
Art von Dachfenster

Gesims, Sims
waagerechter aus der Mauer hervortretender Streifen

Kröpfung
wulstiger Mauervorsprung

Lasur
durchsichtig aufgetragene Farbe

Lisene
senkrechter flacher Mauerstreifen

Liturgie
vorgegebene Ordnung eines Gottesdienstes

Liturg(us)
Leiter einer gottesdienstlichen Versammlung

Patene
Teller für das Brot (die Oblaten) beim Abendmahl

Pendant
Entsprechung

Plafond
flache Decke

Prospekt
Vorderansicht

Sozietät
Gemeinschaft innerhalb einer Großkirche

 





Gestaltung nach der Broschüre:
“Der Kirchensaal der Brüdergemeine in Königsfeld”

Bilder: Archiv der Brüdergemeine Königsfeld und Hermann Krieg

Text: Wolfgang Rockenschuh

Benutzte Literatur: Protokolle und Diarien von Königsfeld 1807 - 1937

Fritz Geller, Gotteshaus und Gottesdienst in der Herrnhuter Brüdergemeine, Herrnhut 1929

Wolf Marx, Die Saalkirchen der deutschen Brüdergemeine im 18. Jahrhundert, Leipzig 1931

Helmut Rudolph, Herrnhuter Baukunst und Raumgestaltung, Herrnhut 1938

Gerhard Heyde, Die Geschichte Königsfelds 1807 -1912, Königsfeld 1912
 

Weiterführende Literatur (Auswahl):

Hans Beat Motel, Die Brüder-Unität, Herrnhuter Brüdergemeine

Erich Beyreuther, Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, dargestellt in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (rororo)

versch. Autoren, Die Herrnhuter Losungen von 1731 bis heute „Alle Morgen neu" (EvA Berlin)

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